Ich brauche ein Buch

Es gibt als Beraterhure zwei unangenehme Tätigkeiten, die markant für den Berufsstand sind: 1. Das Akquirieren von Projekten und 2. das Abarbeiten von Projekten. Als angestellter Berater bleibt einem ersteres erspart, das erledigt der Chef oder Partner der Unternehmensberatung. Dieser konzentriert  sich dann nur noch auf die Akquisition und fungiert somit als Zuhälter seiner angestellten Berater. Als selbständiger Berater bleibt beides an einem hängen.

Ich bin nicht als Verkäufer geboren worden und meine Frustrationstoleranz von Sekretärinnen (aka Assistentinnen) abgewimmelt zu werden ist unterentwickelt. Deswegen gilt es eine Strategie zu entwickeln, das Vorzimmer möglichst mit geringem seelischem Schaden, der durch Betteln, Komplimente machen und Stalking ausgelöst werden kann, zur Zielperson zu durchschreiten. Ich habe mich für die bewährte Strategie des Buchs entschieden.

Die Vorgehensweise besteht darin, ein Buch zu schreiben und dieses der Zielperson zu schicken. Anschließend vereinbart man einen Termin, um über das Buch zu sprechen. Im Normalfall wird der Beschenkte einem solchen Termin zustimmen, da er es als zu kaltschnäuzig empfinden würde, sich ein Buch schenken zu lassen, ohne dem Schenker die Chance zu geben sich vorzustellen. Auch die Sekretärin würde sich diesem Anliegen nicht verschließen. Soweit der Plan.

Das Buch muss fachlich zum dem Gebiet passen, zu dem ich gedenke meine Beratungsleistung anzubieten. Ansonsten könnte ich auch einen Kuchen backen, was mit deutlich weniger Aufwand verbunden ist. Ich habe mir einen Buchtitel ausgewählt, bei dem man das Fachgebiet vage erkennt, aber auf Grund seiner geschwollenen Formulierung es keine Rückschlüsse zulässt, welches Problem konkret gelöst wird, oder ob überhaupt ein Problem gelöst wird. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass Menschen, wenn sie etwas nicht verstehen, sich selbst die Schuld dafür geben und nicht demjenigen, der etwas vollkommen Wirres in die Umlaufbahn gesetzt hat. Dieses sich-selbst-die-Schuld-geben hat einen weiteren Vorteil nämlich, dass dem Autor automatisch Kompetenz zugesprochen wird. Er hat den Titel nicht nur verstanden, er hat sich das ganze Buch ausgedacht, was irgendwie noch höher zu werten ist. Gefahr ist bei souveränen Empfängern in Verzug, die misstrauisch werden oder gar das Spiel durchschauen. Hier ist Absicherung geboten, möglichst durch einen namhaften Verlag. Ich liebe dieses Wort „namhaft“. Jeder, der dieses Wort benutzt, enttarnt sich als Blender.

Ich habe ein fertiges Manuskript an einen namhaften Verlag geschickt und der hat nach nur einem Werktag geantwortet, dass er es gerne in sein Programm aufnehmen würde. Ich Dummerle war natürlich total geschmeichelt, aber eine nüchterne Betrachtung überführt den Verlag als vernünftiges und geschäftstüchtiges Unternehmen. Es war zu offensichtlich, dass dieses Buch einer Beraterhure zum Türöffnen dienlich sein sollte. Aus diesem Grund würde der Berater eine erkleckliche Zahl an Büchern (zum Buchhandels Einkaufspreis) erwerben, was die Kosten für Satz und Druck bereits einspielen wird. Somit war das Projekt vollkommen risikolos für den Verlag. Es wunderte mich also nicht, dass wir uns für ein relativ dünnes Buch schnell auf einen Ladenpreis von 69 Euro einigen konnten. Dem Verlag half es, da meine Eigenbestellung die Druckkosten der gesamten Erstauflage von 2.000 Stück bereits deckte. Und mir hilft ein hoher Preis, da er mein Geschenk an die Zielgruppe noch wertiger (noch so ein Wort wie „namhaft“) macht und die Chance bei einer Terminanfrage zurückgewiesen zu werden weiter sinkt. Dass der Verlag unmöglich das Buch in der kurzen Zeit hat lesen können und er auch auf ein weiteres Lektorat verzichtet, unterstreicht die Pragmatik dieses Businessmodels. Das Schöne an dem Deal war die Subtilität. Im Vertrag gab es keine Abnahmeverpflichtung, es gab sogar ein Autorenhonorar und Belegexemplare. Hier wurde meine Illusion, ein wichtiges Werk abgeliefert zu haben, auf höflichster Weise gepflegt.

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