Je suis Andreas Kümmert

Als Beraterhure erwarte ich kein Lob, ich mach‘s fürs Geld. Auftraggeber schauen einen diesbezüglich immer grimmig an. In ihrem Gesicht kann ich erkennen, wie sie meinen Tagessatz auf das Jahr hochrechnen und das dann mit ihrem eigenen Gehalt vergleichen. Natürlich vergessen sie dabei vieles, vor allem die Zeit, die ich auf dem Beraterstrich stehe und auf den nächsten Freier warte. Das wird gönnerhaft als Freizeit gewertet. 

Gestern Abend habe ich mal wieder durch die Kanäle gesurft und bin bei Einsfestival hängengeblieben. Dort lief der deutsche Ausscheid des ESC – und zwar als Wiederholung. Ich war da schon zweimal durchgerauscht und hatte die Beiträge von  Ann Sophie und einer Aerobic Gruppe gesehen. Letztere hatte ein komplettes Fitnessstudio auf die Bühne gebracht, dafür weniger Instrumente. Optisch waren die zwei Auftritte sehr schön anzuschauen, musikalisch eher ESC-Durchschnitt. Nun, beim letzten Channelstopp, stolperte ich in den Gig von Andreas Kümmert. Song okay, Stimme grandios und der Typ eine Sensation! Jung, Glatze (in der Version ohne Nackenhaarpferdeschwanz), Fuselbart, Klamotten wie beim Skatabend, Figur wie ein Teletubby, Brille leicht schlecht sitzend. Ein Typ, den man normalerweise in IT-Abteilungen wegsperrt. Ich war begeistert!

Eines meiner stärksten Talente ist, dass ich kulturell kompletter nationaler Durchschnitt bin. Wohlwollend formuliert bin ich „Mainstream“ – dieses aber mit einer verblüffenden Zuverlässigkeit. Insofern kann ich No1 Hits beim ersten Hören vorhersagen. Ich war mir sicher, dass Andreas Kümmert gewinnen würde. Und so geschah es auch, wie ich 5 Sekunden später per Videotext erfuhr – zumindest laut Zuschauervoting. Als ich mich gerade mit der wohlverdienten Portion Eigenlob versorgte, las ich weiter, dass der gute Andreas Kümmert bei der Verkündung des Ergebnisses einen Selbstmordanschlag auf seine eigene Karriere verübte und die Wahl ablehnte.

Das Internet tobte, was erlaube sich Kümmert?! Wieso geht er da hin, wenn er uns dann doch nicht in Österreich repräsentieren will?! In mir brodelte die Reflexion und kam zu den beiden Ergebnissen: 1. richtig und 2. endlich. Ich schaue mir die Welt mit den Augen von Andreas Kümmert an: Der Mann ist 28 Jahre und will anscheinend nur eins machen: Musik. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass er hier geschickt agieren muss. Der Wettbewerb ist enorm, sein Stil ist eigensinnig. Wenn er davon die nächsten 40 Jahre leben will, muss er in seiner  Soul-Nische erfolgreich sein. Wenn nicht, wird es eng, denn er taugt weder für die Fußgängerzone (keine Panflöte), noch für die musikalische Bespaßung von Hochzeiten (kein Schmierwurst-Lächeln). Das heißt er muss bekannt werden, ohne (!) dabei  zum Clown der Klatschpresse zu werden. Folgerichtig hat er beim deutschen ESC-Ausscheid exzellente Werbung für seine Musik gemacht, um dann aus der medialen Jodelpolonaise, die jedes Jahr einem anderen Honk zujubelt, auszusteigen. Die Gruppe, die seine Musik gut finden soll, hat jetzt bei ihm einen Tag gesetzt, der vielleicht sein ganzes Berufsleben hält. Also alles richtig gemacht, lieber ein berufslebenlang sein Ding machen als eine Saison Prinz Karneval sein.

Und endlich macht es einer, ich meine die unfairen Spielregeln brechen, die da lauten: ein Künstler siegt, zwei Dutzend Künstler verlieren, der ESC als Fernsehformat samt Zuschauer Entourage siegt immer. Das heißt der Immer-Gewinner namens ESC benutzt, ja konsumiert die Künstler zu seinem Zweck. Hier hat es endlich jemand gewagt, den Spieß umzudrehen und den ESC zu seinen eigenem Zweck zu instrumentalisieren – und zwar auf eine Null-Risiko-Basis. Dass der gute Andreas Kümmert den Ausscheid auch noch gewinnt ist aus seiner Sicht eher ein Betriebsunfall. Um seine Nischenmusik bekannt zu machen, hätte es auch ein dritter Platz getan. Seine Zielgruppe lässt sich durch Platzierungen nicht beeinflussen. Aber das ESC-Volk tobt natürlich, weil es nicht mehr die Macht über den Künstler hat. Und Macht ist sehr, sehr geil. Dafür fahren Leute aus Deutschland nach Syrien und sind bereit KDB gegen Dixi-Toilette einzutauschen.

Dieses Vorgehen von Andreas Kümmert spricht einer Beraturhure wie mir nur aus der Seele. Wie oft lassen mich potentiellen Kunden antanzen, die überhaupt nicht die Absicht haben, mir ein Projekt zu geben. Sie veranlassen das Gespräch, weil sie hoffen, etwas von ihren Wettbewerbern zu erfahren und lassen sich von mir in diesen Akquisitionsgesprächen kostenlos inspirieren. Wie groß ist mein Wunsch irgendwann mal den Spieß wie Andreas Kümmert umzudrehen, so dass die Kunden in mein Büro kommen – und die Reisespesen an der Backe haben – und wo sie um meine Gunst werben, die ich dann, wegen irgendeines Haares in der Suppe, dann doch nicht gewähre. Das wäre sehr schön. Auch weil ich dann den Titel der Beraterhure los wäre.

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