Titanic x-ter Versuch

Heute war ein beschissener Tag. Das Beste an diesem beschissenen Tag war die Nachricht von meinem Laptop, dass ich noch für 22 Minuten Batterieladung habe. Aber selbst die war gelogen, denn schon nach 5 Minuten kam die nächste Nachricht: „Sofort alle Daten sichern oder Laptop an eine Stromquelle anschließen.“

Es ist eine Binse, dass man oftmals mehrere Versuche starten muss, um zum Erfolg zu kommen. Die Titanic ist nicht wegen eines Navigations- oder Konstruktionsfehlers abgesoffen. Nein, der Kapitän hat den Eisberg nur einmal gerammt, das war der entscheidende Fehler! Hätte er mehrere Anläufe unternommen, wäre vielleicht der Eisberg abgesoffen und nicht die Titanic. So zumindest die Beraterversion dieser historischen Katastrophe.

Natürlich gilt diese Beraterweisheit auch in eigener Sache, vor allem bei der Akquisition von Projekten. Hier muss man mehrmals versuchen, bis es klappt. Ich war und bin seelisch darauf eingestellt.

In einem vorherigen Blogeintrag erwähnte ich, dass ich mich mittels eines Buches an den Besprechungstisch meiner Zielgruppe katapultieren wollte und will. Ich fand diesen leicht provinziell arbeitenden Verlag mit lauter netten Mitarbeitern, der sich rühmt, Arbeiten aller Nobelpreisträger der letzten 30 Jahre veröffentlicht zu haben. Der Verlag hat zwar nur einen Arbeitstag benötigt, mein Manuskript anzunehmen, aber dann geschlagene 5 Monate für das Layout. Bei diesem meditativen Prozess hat sicher die Tatsache geholfen, dass der Verlag alle Layoutarbeiten nach Indien verlagert hat. Ein Freund von mir pflegt zu sagen: „Life is too short to do business with India“ und hat sich aus diesem Teil des Planeten geschäftsmäßig ausgeklinkt. Mein Verlag hält dem Heimatland des Yogas aber weiterhin die Stange und wird mit sehr viel Entspannung dafür belohnt. Vermutlich wirkt sich dieses auch auf eine erhöhte Lebenserwartung auf die Verlagsmitarbeiter aus, so dass das Ganze wieder ein Sinn gibt, während mein Freund wahrscheinlich jung sterben muss. Auf jeden Fall ist das Buch da, sieht fesch aus, die Akquisition kann beginnen.

Es stellt sich nun als kapitaler Irrtum heraus, dass ich den Eisberg im Vorzimmer meiner Zielperson verortet habe. Das ist Old School. Die Firmen haben sich von mir unbemerkt weiterentwickelt, wahrscheinlich mit der Hilfe von Beraterkollegen. Die Sekretärinnen wurden zu Assistentinnen umlackiert, der Eisberg sitzt jetzt in der Telefonzentrale der Firmen. Obwohl mir die Zielgruppe durch fleißige Internetrecherche namentlich bekannt ist, ist sie mir nicht persönlich bekannt. So läuft der Weg telefonisch über die jeweiligen Telefonzentralen, da mir die Durchwahlen der jeweiligen Personen nicht bekannt sind.

Bei der Firma 1HK wollte ich mich durchstellen lassen. Die Telefonisten ließ sich von mir mein Anliegen erklären, nämlich das ich das Senden eines Buches avisieren wollte, das eine sensationelle Methode beschreibt. Sie entschied, dass die Zielperson doch wohl eine Nummer zu hoch für mich sei, so dass ich es noch nicht einmal telefonisch ins Vorzimmer jener schaffte. Ich gebe zu, die Firma 1HK ist recht groß und die Person, die ich mir ausgeguckt habe, residiert eine Etage unterhalb der Geschäftsleitung. Aber noch weiter unten werden wahrscheinlich keine Berateraufträge vergeben. Stattdessen vermittelte die Telefonistin mich zu irgendeiner Assistentin/Praktikantin oder vielmehr deren Anrufbeantworter. Über mehrere Tage versuchte ich es immer wieder, sprach ab und zu einen originellen Text auf den AB und erfuhr weitere Details von der Telefonistin über die Assistentin/ Praktikantin. Z.B. dass die Dame gerade geheiratet hat und ihren Namen gewechselt hat. Vielleicht hatte ich Glück, und sie war gar nicht im Erziehungsurlaub sondern nur auf Hochzeitsreise. Schließlich bekam ich die Dame von 1HK ans Rohr und erfuhr, dass die Abteilung sich gerade restrukturiert. Das Wort „Restrukturierung“ ist das „Ben Gurion“ (wieder Kishon, dieses Mal die Geschichte „Jüdisches Poker“) unter den Abwimmelphrasen für Berater. Wer will schon in einer laufenden Restrukturierung seine Beratungsdienstleistung anpreisen, wenn in der Zielfirma keiner weiß, welcher Job-Titel auf seiner nächsten Visitenkarte steht? Das hat nur Sinn, wenn man Restrukturierungsberater ist. Ich war nicht schlagfertig genug, kurzfristig mir diese Kompetenz anzudichten. Ich soll in 3 Monaten nochmal anrufen, 12 Monate halte ich bei Ben Gurion für realistischer. Solange kann ich nicht durchhalten, in 12 Monaten stehe ich bei McDonalds hinterm Tresen. 1HK wird wohl nicht mein Kunde werden.

Bei der Firma 2DN kenne ich jemanden in der betreffenden Abteilung. Kennen ist natürlich übertrieben. Er hat mich mal (noch zu meinen Glanzzeiten) bei Xing angelinkt, dem habe ich bereitwillig zugestimmt, obwohl ich ihn nicht persönlich kannte. Wir haben aber ein paar gemeinsame Bekannte. Ich habe weder seine Durchwahl noch seine Emailadresse. Auch bei 2DN läuft der Weg über die Telefonzentrale und endet dort auch – ich habe ihn noch nicht ans Telefon bekommen. Über mehrere Tage versucht.

Sensationell ist die Telefonzentrale bei der Firma 1ML. Die verbindet grundsätzlich nicht weiter, es sei denn, man kennt irgendein Losungswort. Aber wenn man das kennt, kennt man wahrscheinlich auch die Durchwahl des Betreffenden. Die Telefonzentrale teilt aber gerne Email-Adressen mit, aber nicht die der Zielpersonen, sondern irgendwelche Sammelemailadressen. Ich bekam „Zahlungsbedingungen@1ML.com“.  Mein Aufbegehren, dass mein Anliegen nichts mit Zahlungsbedingungen zu tun hat, wurde routiniert von dem Telefonisten abgewiegelt, dass das schon richtig so sei. Es fragt sich natürlich für wen richtig? Auf meine Email an die Zahlungsbedingungen habe ich natürlich keine Antwort erhalten. Ich werde das Buch kalt verschicken, ohne nachfassen zu können. Das letzte was ich will, ist in einem Jahr noch auf einem Stapel Bücher zu sitzen, der mich täglich daran erinnert, was für ein schlechter Akquisiteur ich bin. Also: Alles muss raus!

Ach ja, bei den Firmen 1WM und 1IS sieht es nicht besser aus, tagelanges Katz-und-Maus-Spiel. Und so weiter. Heute habe ich die komplette Liste abgearbeitet und kein einziges Opfer sprechen können. Der Eisberg hat heute noch nicht einmal gewackelt. Ich werde es weiterhin versuchen, aber absaufen mit spielender Kapelle in der 1. Klasse hat irgendwie mehr Stil.

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