Außer Spesen nichts gewesen

Es ist Ende Februar und ich will mit ein paar Kumpels noch ein paar Tage Skifahren. Meine Reise geht über Zürich und ich lasse noch einen Tag vorher Platz, um ggf. einen potentiellen Kunden in der Schweiz zu beglücken. Jedoch lässt sich keiner darauf ein, ich muss also einen Tag in Zürich totschlagen.

Ich schlafe privat, fahre dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln, geizig und geschickt wie ich bin. Weniger geschickt war die Annahme, dass ich mit Ski, Skischuhe, Koffer und Rucksack die letzten 600 Meter spielend zu Fuß gehe. Ich spielte mit dem Gedanken, das nächste Auto in der verkehrsberuhigten Zone anzuhalten und es als Lastenträger zu missbrauchen. Das nächste Auto kam und hielt, ohne dass ich Zeichen oder Anzeichen gemacht hätte. Es war ein nettes, älteres Ehepaar, das auf dem Weg zu einem Fahrradausflug waren. Im Heck hatten sie einen Fahrradträger montiert, auf dem ihre Fahrräder eingespannt waren. Ich war perplex, aber nicht so perplex, dass ich die Situation nicht beim Schopfe packte. Ich entledigte mich meines Gepäcks, nur die Ski passten nicht. Ich schlug vor, dass ich zu Fuß gehe und die Ski trage. Das war eine riesige Erleichterung. Ich trabte forschen Schrittes voran. Plötzlich viel mir siedend heiß ein, dass vor 4 Jahren unser Auto in Zürich auf einer Ferienrückreise aufgebrochen wurde und der Schmuck meiner Frau gestohlen wurde. Die Beschaulichkeit der Schweiz ist nur die verlockende Fassade einer kriminellen Organisation. Ich hatte nur meine Ski auf den Schultern, alles andere war im Auto, dieses unschuldig aussehende Ehepaars. Sie würden sicher gleich irgendwo abbiegen und sich mit meinem Habe davon machen. Schnell drehte ich mich um, um mir wenigstens das Kennzeichen einzuprägen. Doch dann geschah das unerwartete: Wir erreichten das Haus, das Ehepaar trat nicht die Flucht an, ich entlud meine Sachen und wir verabschiedeten uns freundlich bis überschwänglich. Das war eine Riesen-Erleichterung, sowohl der Transport als auch die Tatsache, dass mein Gepäck zu popelig aussah, um eine weitere Straftat zu bestreiten. Ich finde die Schweiz sollte sich mal entscheiden, was sie nun sein will!

Nachdem ich in mein Privatdomizil eingecheckt hatte, beschloss ich einen Spaziergang entlang des Zürichsees zu machen. Die Promenade war belebt, es war ein herrlich warmer und sonniger Apriltag. Eine besondere Bereicherung waren die vielen hübschen Ausländerinnen, die sich strategisch auf den Wiesen, Parkbänken und spazierenden Gegenverkehr verteilt hatten. Alle paar Minuten eine andere Sprache. Die Schweizer haben per Volksabstimmung sich eine Quote für Ausländer auferlegt, was ich vor diesem Hintergrund als bedauerlich empfinde. Vielleicht gibt es da ein dialektisches Schlupfloch, das zwar den Zuzug der Ausländer aber nicht der Ausländerinnen beschränkt?

Auf halben Weg überholten mich zwei Rollstuhlfahrer mit ihren Elektrorollstühlen. Der eine hatte hinten einen Aufkleber der Grashopper Zürich, der andere einen Aufkleber des Züricher SC. Offensichtlich zwei rivalisierende Fußballvereine, was die beiden nicht davon abhielt, sich angeregt und freundlich miteinander zu unterhalten. In Deutschland wäre dieses undenkbar, zumal mir kein Fan von Grashopper Zürich in Deutschland bekannt wär.

Besonders bewundernswert waren die vielen kleinen Rasenflächen um die Seepromenade herum. In unseren Garten pissen und kacken die drei Yorkshire Terrier des Babysitters. Sie macht die Köttel zwar wieder weg, aber der Rasen sieht aus wie in der Sahelzone. Am Zürichsee notdurften die Tölen aus ganz Zürich und die Flächen sehen aus wie ein grüner Teppich. Ich bin neidisch, wie machen die Schweizer das?!

Das Skifahren selbst war sensationell. Wir trafen auch eine Gruppe des DSV. Offensichtlich waren es drei Trainer und vier Nachwuchsläuferinnen. Die Nachwuchsläuferinnen sahen komplett identisch aus, gleich Körpergröße, gleiche Statur, gleiche Körperhaltung. Offensichtlich ist dem DSV Training nicht mehr genug und ist deshalb in die Zucht übergegangen. Ich saß im Lift neben einem Trainer, der sich mit einer Läuferin unterhielt. Der Trainer hat Hände so groß wie Klodeckel, was ich noch verkraften konnte. Aber meine Oberschenkel sahen wie Zahnstocher gegen seine aus. Da wird das Revier schon durch die Anatomie markiert. Natürlich lauschte ich auch bei der Konversation. In der ersten Hälfte ging es darum wieviel Kühe und Kälbchen die Familie der Läuferin hat. Für mich als Großstädter ist ein Kalb bereits der gerade geborene Nachwuchs einer Kuh. Was ist dann ein „Kälbchen“? Die andere Hälfte ging darum, dass die Nachwuchsläuferin mindestens dreimal in der Saison Kraftausdauertest absolvieren sollte, vorzugsweise am Ergometer, weil darauf alle Läufer des DSV genormt seien. Die Mischung aus Stallinventur und High-Tech-Trainingsmethoden und das alles im schweren süddeutschen O-Ton machte diese Sesselliftfahrt zu etwas Besonderem, wo man sonst nur orthopädische Klagelieder hört.

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